von Prof. Gerhard Glüher

Flächenverspannungen

Wenn das körperlich-sinnliche Erlebnis eines gebauten Raumes, in dem wir uns bewegen, sich verwandelt in ein fotografisches Architekturbild, müssen immer mindestens zwei Phänomene des Wahrnehmungsverlustes in Kauf genommen werden: erstens blendet das Bild die körperliche Raumzeit aus, zweitens gibt es eine flächige Projektion von drei Dimensionen wieder. In der Geschichte der Architekturfotografie kann man beobachten, dass diese medialen Transformationen vom Raum auf die Fläche als eine scheinbar negative Eigenschaft der Abbildung gesehen wurden, denn wie sonst erklärt man sich all die effektgeladenen radikalen Perspektiven, die sensationellen Tief- und Weitblicke als optische Kompensierungen, die auf andere Art und Weise wieder ausgeglichen werden müssen?

Anders die Herangehensweise von Wolfram Janzer. Hier haben wir zwar auch spannungsgeladene Kompositionen, bis zur Grenze des Erträglichen gespannte Disharmonien und provokante Strukturverschiebungen vor uns, die vom Betrachter ein Höchstmaß an Einfühlung verlangen, doch der Fotograf setzt als visuelles Gegengewicht die Fläche der Farbe, genauer gesagt die Flächenverspannung durch Farbe und Linie ein. Er vollzieht damit einen hohen Grad an Abstraktion. Die Linie ist in seinen Bildern oftmals nicht die Kontur, welche eine große Masse gegen die andere absetzt, sondern es ist die feine, beinahe wie von Hand gezogene, die „wirkliche“ Linie. In seinen Motiven kommt sie natürlich nie so vor, wie wir sie auf den Bildern sehen, denn Gebäude bestehen aus Holz, Stahl und Stein und nicht aus Bleistiftstrichen. Jedoch hat Janzer die außergewöhnliche Seh-Fähigkeit entwickelt, solche filigranen Gewebe aus Stahlgerüsten, Balustraden, Fassadenelementen, Glasbausteinen, Holzverkleidungen usw. so einzusetzen, dass er sie wie ein Zeichner nach seinen Vorstellungen verwenden kann.

 

Man könnte formulieren, dass der Fotograf Wolfram Janzer mit dem Instrument seiner Kamera den architektonischen Raum so zu transformieren gelernt hat, dass er sich in der Betrachtung der Bilder als ein labiles Gleichgewicht präsentiert, dem die subtile Gratwanderung zwischen Flächenstruktur und Raumerfahrung gelingt. Wenn Architektur den definierten Raum symbolisiert, so symbolisiert die Linie die Andeutung und die Geste. Die fotografierte architektonische Linie würde demzufolge die Raumgeste meinen, welche sowohl konkret auf den fotografierten Raum verweist, als auch so offen ist, dass wir uns freie Assoziationen erlauben können, welche den Raum an sich meinen, der sich von der Fläche aus entfalten könnte: der Raum wird zum strengen, aber gleichfalls poetischen Zeichen.

 

Labile Gleichgewichte

Wolfram Janzers Art der Architekturfotografie kennt die üblichen medialen Verluste nicht, die zwischen Raumerlebnis und Raumdarstellung üblich sind. Zwar verspannte auch er seine Kompositionen so provokant, dass ästhetische Disharmonien und Strukturungleichgewichte entstehen, doch er ist ein Meister des Equilibriums, der nichts dem Zufall überlässt. Mit dem Instrument seiner Kamera gelingt es ihm, den architektonischen Raum so zu transformieren, dass seine Bilder filigrane und subtile Gleichgewichte darstellen zwischen Flächenstruktur und nachvollziehbarer Raumerfahrung. Janzer, der von der Architektur und der Zeichnung kommt, setzt die Linie als Symbol für eine Raumgeste ein, die sowohl den konkreten Raum meinen, als auch derartig offen sein kann, dass wir nichts anderes zu sehen meinen als die pure Abstraktion. Seine Bilder bewegen sich auf der Grenze zwischen gegenstandsloser Assoziation von Raum an sich und dargestellter Architektur, die sich in poetische Bild-Zeichen verwandeln, hinter denen ein strenger Gestaltungswille steht. Dieser generiert Bildgestalten, in denen die Fläche zum Raum und der Raum zur Fläche wird. Dass diese Verschiebung im Medium der Fotografie gelingt, verdankt sie einzig der Seh-Fähigkeit des Fotografen, welche die Lichtzeichen zu Lichtzeichnungen macht.

 

© gerhard glüher

Gerhard Glüher ist Prof. Ordinarius für Philosophie und Designtheorie an der Freien Universität Bozen, Fakultät für Design und Künste

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